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Grünklau

März 2020

Baumfällungen in der Raderberger Brache. Was ist los?

Jede dritte Tier und Pflanzenart ist heute in ihrem Bestand bedroht. Wir erleben gerade das sechste große Artensterben der Erdgeschichte. Das fünfte war zu Zeiten der Dinosaurier. Das jetzige Artensterben ist eine sehr besorgniserregende und fundamentale Entwicklung, die durch unsere Art der Landnutzung (Städtebau, Versiegelung von Böden, Intensiv-Landwirtschaft...) und die Art des „Wirtschaftens“ verursacht wird. Überall dort, wo vorher komplexe Biotope waren (wie Wälder, Moore oder Auen) sind heute nur noch Monokulturen und Beton zu finden. Doch die Artenvielfalt ist unser aller Lebensgrundlage, weswegen es auch Gesetzte zum Schutz von Arten und die Einrichtung von sogenannten Naturschutzgebieten gibt.

Hier zwischen den Stadtteilen Raderberg und Zollstock im Kölner Süden liegt zwischen Vorgebirgspark und Großmarkt die Raderberger Brache, auf deren heutiges Gelände vor 110 Jahren der Botanische Garten und bis in die 80ger Jahren der botanische Lehrpfad der Kölner Universität angesiedelt war. Seit den 80iger Jahren ist die Raderberger Brache wegen der hohen Artenvielfalt, die das Gelände hat, zu einem sog. „unter Schutz stehender Landschaftsbestandteil“ erklärt worden. Seit dieser Unterschutz - Stellung hat das Grünflächenamt die Pflicht, das Gelände mindestens ein Mal im Jahr zu mähen, um den dortigen Magerrasen (ursprünglich 70 % des Geländes von 8,5 ha) zu erhalten.

Doch die Stadt Köln hat die Pflege des Geländes vernachlässigt, weswegen es über die Jahre verbuscht und verkrautete.

Der Grund für die aktuellen Fällarbeiten in der Raderberger Brache sei die „Verkehrssicherheitspflicht“, die die Stadt Köln auch an den, von den Bürgern selbst getretenen Trampelpfaden in der Raderberger Brache hätte. Das Gelände zwischen Vorgebirgspark und Großmarkt ist ein „unter Schutz stehender Landschaftsbestandteil“, durch den man nicht gehen muss, wenn man zur Arbeit oder zur Schule kommen will. Daher hat die Stadt an den Trampelpfaden durch die Brache eigentlich nicht auf die Verkehrssicherheit zu achten und muss dort auch nicht - aus Verkehrssicherheitsgründen - Bäume fällen.

Vor vier Jahren hatte der Verein (Nabis e.V.) schon einmal eine scharfe Diskussion mit den Mitarbeitern des Grünflächenamts genau zu diesem Sachverhalt.

Hier die ursprüngliche Benachrichtigung des Grünflächenamts.

Hier die Fragen des Vereins.

Und hier die Antworten des Grünflächenamts.

Wir hätten seinerzeit nur durch einen riesigen Menschenauflauf oder durch eine Klage gegen die Stadt Köln die damaligen Baum-Fällaktionen verhindern können. Die Stadt hat seinerzeit, neben den (aus Verkehrssicherheitssicht) gefährlichen Bäume, auch einige große und wertvolle Bäume unnötig beschädigt oder gefällt.

Es besteht schon seit längerem der Verdacht, dass die Stadt versucht, die Raderberger Brache als wichtiges innerstädtisches Biotop sukzessive zu entwerten, um den Schutzstatus den das Gelände bisher genießt („Unter Schutz stehender Landschaftsbestandteil“) auszuhebeln. Und dass, obwohl die Raderberger Brache ein artenreicher Frischluftkorridor für die Innenstadt und eine wichtige grüne Radiale zwischen dem inneren und dem äußeren Grüngürtel ist und bleiben muss. Doch Straßenbau- und Konzern - Interessen wiegen in Köln, - trotz Ausrufung des Klimanotstands - mehr, als die Belange des Naturschutzes, zumal das Grünflächenamt in der Kölner Verwaltungshirarchie dem Baudzernat UNTERGEORDNET ist!

Und wenn man dann in der Umgebung der Brache so herumschaut, könnte dem Gelände Ungemach drohen, denn sowohl von Seiten der Verkehrsplanungplanung (3. Baustufe Nord-Süd-Bahn), also auch von Seiten der Stadtplanung (Parkstadt Süd) gibt es sehr viel Unruhe in unmittelbarer Nähe des Geländes.

So soll die Kreuzung Schönhauser Straße / Bonner Straße im Gefolge der 3. Baustufe der Nord-Süd-Bahn von 17 auf 21 Fahrspuren vergrößert werden. Das hätte für den Bischofsweg, (der ja die Verlängerung der Schönhauser Straße / Markststraße ist), der entlang der Brache und des Großmarkts verläuft, mehr Auto-Verkehr zur Folge. Zumal die Verkehrspolitik der Stadt praktisch nichts unternimmt, um den Schienenausbau voran zu bringen. Selbst das Schienenausbau-Projekt über Bonner Straße, an der sie mit viel Getöse vor zwei Jahren die 300 abgeholzt haben, um eine Bahnstrecke im Dezember 2019 zu eröffnen, siecht dahin. In Köln wird der Schienenausbau als Alternative zum Straßenausbau systematisch vernachlässigt und sabotiert. Dadurch werden die Blechlawienen in der Stadt natürlich nicht kleiner. Sollte der motorisierte Individualverkehr (MIV) wegen der Bautätigkeiten auf dem anliegenden Großmarkt auch noch zunehmen (siehe Bauprojekt „Parkstadt Süd“), kann es durchaus sein, dass die Schlauberger der Stadtplanung auf die Idee kommen, die Brache zum Bebauen ( für eine verbreiterte Straße) freizugeben.

Der ursprüngliche Bauplan für den neu geschaffenen Bischofsweg aus dem Jahr 2004 sah eine vier spurige Straße vor. Und nur durch das Auftauchen der Bürgerinitiative ( zur Verteidigung der Raderberger Brache) wurde der Plan auf zwei Fahrspuren reduziert. Die beiden zusätzlichen Fahrspuren wären auf jeden Fall zu Lasten der Brache gegangen.

Und wenn ein solches ökologisches Biotop (Raderberger Brache) Stück für Stück entwertet wird, zum Beispiel durch großzügige Baumfällungen oder durch das Anpflanzen einer invasiven Pflanze, wie dem japanischen Knöterich, der alle vorhandenen einheimischen Pflanzen schlicht verdrängt, kann es zu einer Reduzierung der Artenvielfalt und zu einer Umwidmung der Brache zu ödem Bau- oder Straßen-land kommen. Und genau das versucht der Verein Nabis zu verhindern. Daher baten wir den Mitarbeitern des Grünflächenamts, uns über beabsichtigte Massnahmen in der Brache zu informieren. Dem ist das Grünflächenamt freundlicherweise nachgekommen.

Und so haben sie in der letzten Woche (Ende Februar 2020) ihr Sägen in der Brache angekündigt und begonnen, allerdings begrenzt auf einen kleinen Bereich (nähe Kierberger Straße). Dort haben die Motorsägen eine breite Schneise in den jungen Wald geschnitten. Begründung: der Befall der dort stehenden Ahorn-Bäumen mit dem Russrinden – Pilz. Der, wie der Name schon sagt, den Stamm russig (= schwarz) verfärbt und den Baum zum Absterben bringt. Diese offensichtliche Schwarzfärbung der betroffenen Stämme scheint das Ergebnis des Pilzes zu sein, der wiederum auch durch die Luft fliegen und so umherstehende Bäume und Menschen infizieren kann. Und genau hier fühlt die Stadt ihre Verkehrssicherheitspflicht und hat vorsorglich alle befallenen Bäume abgesägt und - so wie es möglich war - mit schwerem Gerät kleingehäkselt. Dabei ist natürlich auch der Boden ordentlich verdichtet worden! Es handelt sich bei dieser Baum-Erkrankung um sogenannte „sekundären Schaden“, d.h. der Krankheit gehen lange Phasen extremer Trockenheit vor.

Hier die Bilder die die Ergebnisse der bisherigen Maßnahmen zeigen:

Hier:

Und hier:

Und hier:

Und hier:

Es hätte allerdings auch die Möglichkeit gegeben, die Bäume in der Brache zu bewässern, denn im benachbarten Vorgebirgspark, (in der Nähe der Russrindenpilz-erkrankten Bäume) liegt ein ehemaliges Kinderplanschbecken mit Wasseranschluss, dass vor einigen Jahren wegen Bakterienangst trocken gelegt wurde. Die Baumfällungen sind derweil abgeschlossen. (2. März 2020 )

von Ottmar Lattorf
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